Alle viereinhalb Minuten verunglückt in Deutschland ein Schulkind. Und obwohl die Anzahl der Schüler bundesweit sinkt, steigt die Zahl der Schulwegunfälle. Für 2007 verzeichnet die Statistik einen Anstieg um 3,54 Prozent. "Die Zahlen haben auch mich erschrocken", sagt die Landtagsabgeordnete Corinna Reinecke. Als der Wittenberger Kreisverband des Auto Club Europa (ACE) die SPD-Politikerin bat, die Schirmherrschaft für ihre diesjährige Aktion "Schulwegdoktor" zu übernehmen, sagte sie sofort zu. In allen Kreisverbänden des ACE haben ehrenamtlich engagierte Mitglieder die Aufgabe übernommen, das Umfeld verschiedener Grundschulen unter verkehrs- und sicherheitstechnischen Aspekten akribisch unter die Lupe zu nehmen. Anfang dieser Woche stellten Corinna Reinecke und die ACE Kreisvorsitzende Lieselotte Böde die Ergebnisse ihrer Recherchen der Öffentlichkeit vor.
Vier Einrichtungen ausgewählt
Willkürlich waren im Landkreis vier Schulen ausgewählt worden. Neben der Käthe-Kollwitz-Schule und der Friedrich-Engels-Schule im Wittenberger Stadtgebiet waren dies die Max-Lingner-Schule in Jessen sowie die Grundschule am Schillerpark in Coswig.
Die Schulwegdiagnose listet auf, ob das Schulgelände vollständig von einem Zaun umgeben ist, die Zugangsstraße sich in einer Tempo-30-Zone befindet, ob Zebrastreifen und Druckknopfampeln zur Verfügung stehen, Verkehrskontrollen durchgeführt werden und vieles mehr. Insgesamt stellen die "Schulwegdoktoren" für die beiden Wittenberger Schulen eine positive Diagnose. Sowohl zu Schulbeginn als auch zu Schulschluss komme es jedoch "zu eklatanten Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung" und zu "gefährlichen Situationen für die Schulkinder", weisen die "Doktoren" in einem Brief an Wittenbergs Oberbürgermeister auf ihre Beobachtungen hin.
Im Umfeld der Piesteritzer Schule wurde registriert, dass die Pestalozzistraße vom Bahnübergang her von Kindern ohne Sicherung überschritten werde. Die "Schulwegärzte" lassen es indes nicht mit der Diagnose bewenden. Sie machen auch Therapievorschläge, empfehlen Kennzeichnungen direkt auf der Fahrbahn oder aber bauliche Maßnahmen zur Geschwindigkeitsreduzierung. "Allein Tempo 30, das reicht meist nicht aus", unterstreicht Lieselotte Böde resolut.
Coswig ist vorbildlich
"Ohne Befund", so lautet hingegen das Ergebnis in Coswig. Lieselotte Böde sprach von vorbildlichen Rahmenbedingungen. Einen Brief bekam gleichwohl auch Bürgermeisterin Doris Berlin (parteilos). "Wir beglückwünschen Sie als Schulträgerin", heißt es darin. Darüber hinaus betonten die Initiatoren der Aktion, dass es darauf ankomme, auch an die Eltern zu appellieren, mit gutem Beispiel voranzugehen. Die Aktion verdiene Unterstützung und sie brauche möglichst viele Unterstützer, machte auch Corinna Reinecke die Verantwortung aller deutlich. Sie zeigte sich überzeugt, dass durch die ausführliche Analyse Denkanstöße gegeben worden seien. Vielleicht auch hinsichtlich der Einführung eines landesweiten Schulwegeplanes. Bislang existieren solche Pläne nur in vier Bundesländern. Sachsen-Anhalt gehört nicht dazu. Die Wittenberger Anstöße fließen ein in eine bundesweite Auswertung, die in der ACE-Zentrale vorgenommen wird. Die Ergebnisse sollen der Öffentlichkeit noch vor Beginn des neuen Schuljahres präsentiert werden.
Quelle: MZ Wittenberg